Kirche und Kunst: Maria Biege

Kirche und Kunst: Maria Biege

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Kirche und Kunst: Maria Biege

In unserer Rubrik Kirche und Kunst wollen wir Menschen mit besonderen Talenten, mit Gaben, die uns erfreuen und bereichern, vorstellen. Sie alle sind in der einen oder anderen Weise mit der Lindengemeinde verbunden, sei es das ukrainische Ehepaar, das nach dem russischen Überfall auf die Ukraine in Berlin einen Neuanfang als Chorleiter und Designerin wagte, sei es die ukrainische Mathematikerin, die nun für das Brückencafé kleine Kunstwerke als Häkelarbeiten anfertigt und den Erlös für die Belange bedürftiger Geflüchteter einsetzt. Oder aber, so heute, eine Frau, die eine alte Kulturtechnik wieder aufleben lässt und mit ihren Mitstreiterinnen, Kalliopes Schwestern, vor gebannt lauschendem Publikum Geschichten erzählt.

Maria Biege wuchs in Niedersachsen und im Rheinland auf und Bücher waren von Kindesbeinen an ihre Begleiter. Die Eltern sorgten dafür, dass, wie in den ersten Jahrzehnten nach dem Weltkrieg üblich, die Familie über Buchclubs mit Lektüre versorgt wurde. Die gründlich studierte Tageszeitung war selbstverständlich. Das lesehungrige Kind Maria durfte in der Bibliothek ihrer Zwergschule stets nur zwei Bücher ausleihen; zum Auswahlkriterium wurde die Zahl der Buchseiten. Dick mussten sie sein, die Bücher, das versprach anhaltende Lesefreude.

Aus der Leserin mit dem großen Vokabular wurde früh eine Schreiberin; wichtig war das Wort. Der Vater wünschte sich von seiner Tochter, seinen Lebenstraum zu verwirklichen und Wirtschaftsjuristin zu werden. Aber Maria brannte so gar nicht für die Juristerei; ihr großes Idol war die Cousine ihrer Mutter, eine Pfarrerin, selbstbewusst, des Wortes mächtig. Die juristische Fakultät und ihre Kommilitonen, häufig Adelssprösslinge, blieben der jungen Frau aus nicht-akademischen Verhältnissen fremd. Den Studienwechsel hin zu Anglistik und Germanistik vor den Eltern zu rechtfertigen war nicht leicht. Doch jetzt war sie in ihrem Element, bei den Wörtern, der Sprache.

Im Studienort Bochum kam die Liebe zum Theater hinzu, der progressive Theaterleiter Peter Zadek machte mit seinen außergewöhnlichen Shakespeare-Interpretationen süchtig nach Spielen. Und eine unkonventionelle Dozentin der Amerikanistik brachte erste Impulse, den Blick auf die USA zu richten, sich auf ein Stipendium dort zu bewerben. Dann ist das Glück auf ihrer Seite. Als sie einen Anruf erhält, ob sie bereit wäre, mit einem Stipendium nach Stanford zu gehen, zögert sie keine Sekunde. Aus dem einen Studienjahr macht sie viele, als Studentin, als Tutorin und schließlich als Leiterin eines neu gegründeten „Mitteldeutschen Hauses“, Heimat für all diejenigen, die Deutsch sprachen, deutsche Filme sehen wollten, Laugenbrezeln liebten. Die Universität betreibt ihrerseits ein Stanford Zentrum in West-Berlin, in einer schönen Muthesius-Villa in Dahlem gelegen. Hier unterrichtet Maria Biege anfangs amerikanische Studenten in Deutschland, pendelt zwischen den USA und Berlin. Lebensmittelpunkt wird immer mehr Berlin, die Stadt, die in den 80er und 90er Jahren die politischste, die attraktivste ist. Irgendwann weiß sie, dass sie nicht mehr in die USA zurückkehren wird. Sie arbeitet nun mit amerikanischen Studierenden in Berlin, unternimmt Reisen in die DDR, später auch nach Polen und Russland. Schließlich ist sie im Berliner Stanford-Zentrum Verwaltungschefin mit Personalverantwortung, bis sie 2017 in den Ruhestand geht.

Selten ist das Wort Ruhestand unpassender als im Falle Marias. Die langen amerikanischen Jahre haben sie offen gemacht für vieles, dazu gehört Feldenkrais und Aikido ebenso wie Rolfing und ZEN-Therapie. Entsprechende Qualifikationen erarbeitet sie sich in ihren Ferien. Die Dinge verknüpfen sich. Während ihrer Feldenkrais-Ausbildung kam sie in Kontakt mit einem von Ida Rolfs ausgebildeten Lehrer, der wiederum eine ZEN-Therapieform entwickelte. Über Jahre lernte sie bei ihm und arbeitete zugleich als seine Übersetzerin – stets in den Ferien.

Sprache und Körpersprache also. Der Weg scheint vorgezeichnet. Doch als sich ihre Hände nicht mehr so bewegen, wie sie sollen, orientiert sie sich noch einmal um. Sie entdeckt eine Ausbildung im künstlerischen Erzählen. Ein Jahr lang wird sie im Berliner Verein Erzählkunst geschult, dann weiß sie: Erzählen ist eine Form von Theater, mit vielfältigen Möglichkeiten, basierend auf Kreativität. Denn nicht Märchen sollen nacherzählt werden, sondern ein Thema vor Erwachsenen durchgespielt werden. Damit ist ihr Wunsch, etwas im Kontakt mit anderen Menschen zu machen, doppelt erfüllt. Es gründet sich eine Gruppe, Kalliopes Schwestern. Sie entwickeln ihre eigene Form, nie vorhersehbar. Alles ist möglich, alles ist offen, und die Themen orientieren sich oft an den Orten, an denen sie erzählen, seit nun schon zehn Jahren. In der Berliner Sammlung antiker Skulpturen erzählen sie natürlich um Sagen und Mythen herum, vor der Moses Mendelssohn Gesellschaft in Dessau denken sie spielerisch über Vielfalt, Toleranz, Verständnis nach. Im Dessauer Krötenhof lassen sie eklige Tiere zu Wort kommen. Selbst die Freimaurer bitten immer wieder um Auftritte. Ist das Thema gefunden, muss jede der so ganz unterschiedlichen Frauen sich einfallen lassen, was sie dazu beitragen will, was anspricht, wie es verbunden werden kann mit den Überlegungen der anderen. Und am Ende dieses Prozesses stehen dann Aufführungen, wie sie zweimal in der Lindengemeinde erlebt werden durften. Die Erzählerinnen brauchen nicht viel an Theaterkleidung oder Dekoration, um die Zuschauer und Zuhörer umstandslos in eine andere Welt zu versetzen. Worte, Gesten, Bewegungen, Rhythmus, Liedfetzen – die Verwandlung geschieht unmittelbar und mitreißend, plötzlich sind wir alle in den Geschichten ums Meer herum gefangen, hören den Wind, sehen die Wogen, tauchen buchstäblich ein in die Erzählungen. Ein anderes Mal leben und leiden und spotten wir mit den klugen Frauen in der Antike mit, lachen und bangen, sind hingerissen und auch überrascht darüber, wie die Rolle der Frauen spielerisch neu interpretiert wird. Kein einlullendes Kindermärchen wird vorgetragen, nein, die Erzählerinnen machen Erinnerung an Bildungsgüter lebendig, ändern Geschichten, erweitern Möglichkeiten. Und mit einem Mal werden auch die Gesichter des Publikums lebendig, ganz unmittelbar findet Erleben statt. Auf zwei Ebenen. Wir erleben die vorgetragenen Geschichten, und wir erleben, wie das Erzählen, quasi ein Kontrapunkt zur Gegenwart, erneuert wird, um wie viel reicher uns die Teilhabe an dieser alten und schon fast vergessenen Kulturtechnik machen kann.

Und sollte auch wieder einmal ein Auftritt von Kalliopes Schwestern in der Linde stattfinden, lassen wir uns gern erneut verzaubern!

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